Ist das gerecht?

von Alexander Poraj, Zen-Meister der Linie „Leere Wolke“, Mitglied der spirituellen Leitung am Benediktushof

„Erfahrene Juristen bezeugen, dass es vor Gericht von Vorteil sein kann, wenn man im Recht ist.“ (Graham Chapman)

Wir leben in einer Zeit, in der viele spüren, dass etwas Grundlegendes aus dem Lot geraten ist. Gerechtigkeit wirkt nicht nur beschädigt, sondern gezielt unterlaufen: durch Macht und ihren routinierten Missbrauch, durch Gier, durch Interessenbündnisse und Deals, die selten transparent und fast nie folgenlos bleiben. Zurück bleibt ein Gefühl, das sich quer durch gesellschaftliche Milieus zieht: betrogen worden zu sein – und nichts dagegen tun zu können.

Was hier geschieht, ist kein bloßes Stimmungsproblem. Es ist ein Problem unseres grundsätzlichen Selbstverständnisses als Individuum und Gemeinschaft. Und einfache Antworten helfen nicht weiter.

Die Formel „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“ dient noch immer als moralischer Referenzpunkt. Sie wirkt human, ausgewogen, vernünftig. Doch sie trägt nur so lange, wie niemand genauer hinsieht. In einer individualisierten Gesellschaft lassen sich weder Fähigkeiten noch Bedürfnisse objektiv bestimmen. Wer entscheidet, was als Bedürfnis gilt? Wer legt fest, welches Maß angemessen ist? Und auf welcher Grundlage?

Zwar wird allgemein anerkannt, dass Menschen Bedürfnisse haben und dass sie – sofern möglich – selbst für deren Erfüllung Verantwortung tragen sollen. Ebenso gilt die Erwartung, zum Gemeinwohl beizutragen. Doch bereits beim Bedürfnis nach Geld und Sicherheit zeigt sich die Bruchlinie: Es wird allen zugestanden, aber seine Grenze bleibt undefiniert. Nach oben offen – solange es rechtlich abgesichert ist. Gerecht ist das nicht. Es ist lediglich erlaubt.

An diesem Punkt zeigt sich ein blinder Fleck, der selten benannt wird: Jede Rede von Gerechtigkeit setzt eine Vorstellung von Gerechtigkeit bereits voraus. Die Entscheidung darüber, was „rechtens“ ist, verlangt selbst nach einem Maßstab – der jedoch nirgends neutral verankert ist. Diese Zirkularität wird nicht aufgelöst, sondern verdrängt. An ihre Stelle treten Gewohnheit, Machtverhältnisse und das bequeme Argument des Bauchgefühls: Es fühlt sich richtig an.

Doch Gefühle sind keine Instanz. Sie sind formbar, historisch, kulturell codiert. Wäre ein objektiver Gerechtigkeitssinn tatsächlich vorhanden, ließe sich kaum erklären, warum identische Handlungen zu unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlichen Gesellschaften völlig verschieden beurteilt wurden – von legitim bis verbrecherisch. Und es ließe sich ebenso wenig erklären, warum allein in Deutschland jährlich Millionen von Straf- und Zivilklagen verhandelt werden. Diese Zahl ist kein Zeichen funktionierender Gerechtigkeit, sondern ein Symptom ihres permanenten Dissenses.

Trotzdem behandeln wir „Gerechtigkeit“ sprachlich, politisch, religiös und neuerdings auch spirituell wie eine feste Größe, als wäre sie ein erreichbarer Endzustand. Wir tun so, als wüssten wir genau, was sie ist, und als scheitere ihre Umsetzung lediglich an mangelnder Moral oder unzureichender Anstrengung. Das ist eine bequeme Erzählung. Sie entlastet – und verschleiert.

Denn vielleicht ist Gerechtigkeit gar kein Ding. Kein Zustand. Kein Ziel, das man irgendwann erreicht und dann verwaltet. Vielleicht ist sie ein instabiles, konflikthaftes Beziehungsgefüge, das sich ständig neu aushandeln muss – zwischen Interessen, Perspektiven, Macht und Verantwortung. Vielleicht sind „richtig“ und „falsch“, „gut“ und „böse“ keine festen Koordinaten, sondern vorläufige Orientierungen, die sich mit Erfahrung, Wissen und Bewusstseinswandel verändern müssen.

Das ist keine Einladung zur Beliebigkeit. Im Gegenteil. Es ist eine Zumutung. Denn es bedeutet, auf einfache Gewissheiten zu verzichten. Es bedeutet, auszuhalten, dass Sicherheit nicht aus klaren Antworten entsteht, sondern aus der Fähigkeit, Unsicherheit zu tragen.

Nicht sicher zu wissen, was gerecht ist, ist keine Schwäche. Es ist eine notwendige Tugend in komplexen Gesellschaften. Sie verlangt mehr Mut, mehr innere Stabilität und mehr intellektuelle Redlichkeit als jeder dogmatisch vorgetragene Gerechtigkeitssinn. Und sie entzieht sich genau dem, was heute am lautesten eingefordert wird: schnellen Urteilen, moralischer Selbstgewissheit und der Illusion, auf der richtigen Seite zu stehen.

Der Artikel entstammt dem Newsletter des Benediktushofs, Ausgabe vom 15. Februar 2026; wir haben die Erlaubnis von Alexander Poraj zur Veröffentlichung. Danke dafür!