In Fantasien leben

„So schön hier euch einerseits ins Gesicht zu schauen und andererseits den Bundestag im Rücken zu haben, und an diesem Ort über genau dieses wichtige Thema zu sprechen.

Die Zukunftsvision eines Elon Musk, nämlich einen alternativen Planeten zu bewohnen, wird als Utopie verkauft und mit Milliarden überhäuft, aber die Utopie anderer, in einer abolitionistischen Zukunft zu leben, ohne Gefängnisse, Polizei und Grenzen, wird als dystopische Zukunftsvision kriminalisiert und ausgegrenzt.

Wer besitzt in unserer Gesellschaft das Privileg, nicht mit Überleben beschäftigt zu sein, sondern mit dem Leben in einer Zukunft, die noch nicht einmal da ist? Wer besitzt das Privileg zu träumen, alternative Utopien imaginieren zu dürfen?

Wir sind in einem Kampf der Imagination, schreibt die afroamerikanische Autorin Adrienne Marie Brown. Trayvon Martin, Mike Brown und Breonna Taylor und so viele andere, sagt sie, sind tot, weil sie in der Vorstellung einer weißen Imagination gefährlich waren. Wir leben also in einem Kampf um Imagination und Vorstellungen und um Zukunftsvisionen.

Wer hat die Gesellschaft, in der wir heute leben, so wie sie ist und funktioniert, eigentlich erfunden und erdacht? In wessen Zukunftsvision leben wir? Und wie sehen alternative Träume, Imaginationen, Wünsche und Zukünfte aus?

Viel zu wenige derer, die über unsere Zukunft diskutieren und unsere Wahrnehmung dominieren, wissen, was das bedeutet, nicht über das Wochenende, das Monatsende, den nächsten Tag, den nächsten körperlichen Angriff, das nächste Attentat, den nächsten rassistischen Übergriff, den nächsten Krieg hinaus denken zu dürfen. Dabei sind es diese Menschen, es ist ihr Wissen, was es braucht, um tatsächlich wünschenswerte Zukünfte überhaupt diskutieren zu können.

In dem Moment, in dem wir beginnen, die Welt zu gestalten, stören wir. In dem Moment, indem wir die Werkzeuge, die in unseren Händen liegen, anwenden, stören wir. In dem Moment, indem wir unsere Kraft zu sehen, zu hören, zu bewegen, zu berühren, zu verändern, nicht nur erkennen, sondern auch nutzen, stören wir.

Wer hat sich diese Welt erträumt? In wessen Imaginationen leben wir? Was sind unsere Imaginationen?

Wie können wir diese Imagination zur Sprache tragen, in Räume tragen, in die Wirklichkeit tragen, erproben und vielleicht realisieren, dass sie in der Praxis vielleicht etwas anders sein müsste, als wir sie uns erträumt haben, um dann daraus zu lernen, weiter zu träumen? Heute tauchen Sie, tauchen wir alle ein in eine Welt der Imagination. Heute nehmen wir uns allem trotzend das Privileg heraus, zu träumen, zu imaginieren, was nicht ist, aber sein könnte.

Und wie Bell Hooks sagt: What we cannot imagine cannot come into being.“

Auszug aus Kübra Gümüşays Eröffnungsrede beim ersten Parlament der Menschen in Berlin – verfasst von Raphael Thelen. (Wir haben die Erlaubnis der beiden, den Text hier zu veröffentlichen.)