Krieg und Frieden

… es ist für mich überraschend, aber ich empfinde zumindest keine Angst, wenn ich mich damit beschäftige. Vielmehr Hilflosigkeit … und vor allem fühle ich mich in einem dichten Nebel der moralischen Orientierungslosigkeit, die mir zu schaffen macht.
In der ersten Zeit nach der russischen Invasion in die Ukraine im Februar 2022 war für mich noch alles völlig klar … da der Aggressor, der Machthungrige, der „Böse“, hier die armen unschuldigen Opfer, die „Guten“. Und damit war auch klar, was ich zu tun hatte: Geld und Kleider spenden und zu den Großdemos in Leipzig auf die Straße gehen. Es war ganz einfach und fühlte sich auch gut an.
 Der erste Schock kam, als mir plötzlich – ja, tatsächlich plötzlich – bewusst wurde, wie viele Kriege ich in den vergangenen zwei Jahrzehnten quasi zeitgeschichtlich interessiert, aber überhaupt nicht emotional betroffen zur Kenntnis genommen hatte. Sie waren ja weit genug entfernt … und trotzdem starben unzählige unschuldige Menschen.
Gibt es auch ein Nicht-Wissen-Wollen?
 Kann ich, ja muss ich Zeugnis davon ablegen, dass mir diese Welt, ja sogar der kleine Ausschnitt meiner Lebenswelt davon, zu komplex geworden ist, um in vielen Fällen noch zwischen einer moralisch guten Handlung und einem „schlechten“ Verhalten von mir unterscheiden zu können?
 Und vor allem, wie werde ich aus der Haltung des Nichtwissens und des Ablegens dieses Zeugnisses heraus dann empathisch und mit der Situation verbunden aktiv? Will ich, sollte ich Waffenlieferungen zur Selbstbefreiung befürworten oder sie als immer weitere Eskalationsschritte (Streubomben / Marschflugkörper / Kampfjets) öffentlich ablehnen? …

Genau das ist die Herausforderung für mein Zazen, für meine Haltung des Nicht-Wissens, für mein Bekennen und für mein Handeln … es gibt kaum noch einfache Schwarz-Weiß- / Gut-Böse-Situationen, die klare moralische bzw. empathische Entscheidungen ermöglichen. Dabei hilft es mir auch nicht, auf dem Kissen zu sitzen und einen wie auch immer gearteten inneren Frieden zu finden. Ich glaube, ich möchte ihn so auch nicht finden.

Was mir etwas hilft, ist ein Satz von Richard Baker Roshi: „Die Richtung ersetzt den Endpunkt.“ Ein anderer Zen-Lehrer hat dazu geschrieben. „Bodhisattvas definieren sich nicht über das Erreichen von Zielen, sondern durch die Hingabe an Absichten …“ . Dass sich meine Entscheidungen, meine Aktivitäten, letztlich immer als nicht gut (genug) erweisen können, muss ich schlicht akzeptieren. Dennoch versuche ich, im Blick auf Menschen, Tiere und Pflanzen gute, förderliche Absichten zu haben und entlang diesen mein Leben auszurichten.

Dieser Text stammt von Michael Hock. Er hat ihn in einem privaten Blog geteilt und Ute erlaubt, ihn hier zu veröffentlichen. – Danke, lieber Michael für die Erlaubnis und für deine Worte, die mir aus dem Innersten sprechen.