Dirk Harms (u.a. gestaltendes Mitglied in der AG Frieden von Yesche U. Regel) berichtet hier von seinen Erfahrungen und Gedanken. Herzlichen Dank an ihn, dass er jede Leserin, jeden Leser mitnimmt!
Die Idee des Peacewalk wurde 2023 geboren. Damit ist der Peacewalk eine Reaktion auf den 07. Oktober 2023, an dem 1195 Menschen in Israel von Terroristen der Hamas ermordet und weitere 240 als Geiseln verschleppt worden sind – und infolgedessen das gnadenlose Morden in Gaza begann. Angesichts dieses maßlosen menschlichen Leidens spürte der Amsterdamer Theologe, Künstler und Friedensaktivist Rikko Voorberg eine lähmende Ohnmacht. Da erinnerte er sich an eine bewährte spirituelle Praxis: Das Gehen. Das wohl bedeutendste Beispiel in der Geschichte für diese Praxis ist der von Mahatma Ghandi 1930 initiierte Salzmarsch. Im Gehen kann Neues entstehen, Trauer verarbeitet, der Versöhnung der Weg bereitet werden.
Auf der anderen Seite des Weges, in Jerusalem, inspirierten Maoz Inon und Aziz Abu Sarah, beide Journalisten, die Entstehung des Peacewalks. Die Eltern von Maoz Inon wurden am 07.Oktober ermordet, der Bruder von Aziz Abu Sarah starb an den Folgen der in israelischer Haft erlittenen Folter. In der von gegenseitigem Hass erhitzten Situation hatten sie sehr früh erkannt, dass Gedanken an Rache und Vergeltung nicht in die Zukunft weisen. Sie gingen den schmerzvollen Weg der gegenseitigen Vergebung und traten damit auch an die Öffentlichkeit. Gemeinsam gründeten sie die Organisation InterAct und verfassten das Buch „Peace is the future“, das am 17. September unter dem Titel „Die Zukunft ist Frieden“ auch in deutscher Sprache erscheinen wird.
Rikko Voorberg nahm Kontakt mit beiden auf, um mit ihnen zusammen sein Vorhaben zu realisieren: Einen Friedenswanderweg von Europa in den Nahen Osten. Auf der Basis eines alten Pilgerweges von Finisterre an der spanischen Atlantikküste nach Jerusalem, der seit dem Mittelalter existiert, wurden mehrere Routen entwickelt und präzise geplant. Am 31.Januar 2026 starteten die ersten Läufer in Finisterre. Hinzu kamen Startpunkte in Paris, Amsterdam, Berlin und auf der Westerplatte bei Danzig. Am 10.Oktober 2026 werden alle Zweige des Weges in Sarajewo zusammenfließen, um von dort aus gemeinsam über den Balkan, Griechenland, die Türkei und Syrien den Weg nach Jerusalem zu laufen. Dort ist geplant im Juni des nächsten Jahres anzukommen.
Die Friedenswanderer wollen nicht ein vorgefasstes Bild von Frieden bringen, sondern sie wollen lernen, wie er entsteht, in den alltäglichen Begegnungen auf dem Weg, in der Begegnung mit sich selbst beim Gehen, in der Begegnung untereinander in der Gruppe. Die Etappen wurden so geplant, dass auch ungeübtere Menschen Teil dieses Weges werden können. Alle sind willkommen, teil zu haben, sei es für ein paar Stunden, sei es für einzelne Tage, sei es als Gastgebende.
Ich selbst hatte im vergangenen Jahr den Friedensweg einer Gruppe von buddhistischen Mönchen von Texas nach Washington D.C. verfolgt und war von der davon ausgehenden Kraft fasziniert. Da erzählte mir mein Freund Reiner aus Bonn von dem Projekt des Peacewalks. Der in Amsterdam gestartete Zweig des Peacewalk würde auch Bonn passieren. Reiner hatte sofort die Idee, mit befreundeten Gruppen in Bonn den Empfang dort zu organisieren. Im Internet konnte ich den Verlauf des Laufes miterleben. Ich beschloss, auf jeden Fall für mindestens ein oder zwei Etappen Teil dieses Weges zu werden. Ich wählte die Etappen von Eppingen bis Nordheim/Neckar, und von Nordheim/Neckar nach Besigheim/Neckar.
Wir treffen uns am Bahnhof in Eppingen. Heute besteht die Gruppe nur aus 14 Menschen. Es regnet, und geführt werden wir von Helmut, Mitarbeiter der lokalen Naturfreundegruppe. Er hat die Tour nach Nordheim präzise vorbereitet. Vor Beginn: Ein Runde, in der sich alle vorstellen, die, die heute mitgehen, die, die länger dabei sind. Dann ein paar Minuten Verharren in Stille. Vor dem Start stellt David aus den Niederlanden die Frage, die heute die Gruppe auf dem Weg begleitet: „Wo habe ich in der vergangenen Woche etwas zum Frieden im Großen oder im Kleinen beigetragen?“. Beim Gehen entstehen Gespräche, erstaunlich persönlich, über die Kriegsvergangenheit der Väter und Mütter, über Traumata in der Familie. David erzählt, wie er dazugekommen ist. Er wollte nur für einen Tag mitgehen – doch dann blieb er dabei. Nachmittagspause in einem Musikladen, der mit einem großen Plakat für eine bundesweite Unterschriftenliste für Abrüstung wirbt.
Abends werden wir in der kleinen Stadt Nordheim am Neckar in einem kleinen Schloss im Weinberg empfangen. Die Friedensinitiative war dabei gewesen, den Aufenthalt der Wanderer vorzubereiten, als sich der Chor „Klangfarben“ aus Nordheim meldete: „Frieden – das ist doch auch unser Thema.“ Und plötzlich war aus einem unspektakulären Empfang ein Friedensfest entstanden mit großem Buffet und viel Gesang. Auch wenn wir am nächsten Tag weitergehen, die Verbindung zwischen den Menschen vor Ort wird bleiben.
Am nächsten Morgen starten wir in Nordheim mit vierzig Menschen. Für die Mittagspause am kommenden Tag hat der Kneippverein der Nachbarstadt Lauffen am Neckar zu einer Brotzeit auf seinem Gelände eingeladen. „Beim Thema Frieden sind wir doch dabei.“ Der Verein ist fast vollständig vertreten.
Eine Teilnehmerin erzählt von einer Begegnung von zwei Tagen zuvor. Eine Frau kehrte die Straße. Die Gruppe fiel ihr auf wegen der weißen Fahne, die einige trugen. Übrigens: Nur eine weiße Fahne ist erlaubt, keine andere, keine Fahne eines Staates o.ä. Die Frau fragte die Gruppe, was die Fahne bedeuten würde – und lud sie ein, sich bei ihr zu erfrischen. Plötzlich standen Kaffee und Kuchen auf dem Tisch. Das Gespräch führte aus alltäglichen Themen heraus in tiefere Fragen nach Frieden und Versöhnung mit sich selbst. Draußen ging derweil ein Regenschauer herunter. Danach mussten sie weiter. Die Frau umarmte jede einzelne von ihnen und dankte für die kostbare Zeit.
Abends werden wir in Besigheim im evangelischen Gemeindehaus wieder gastlich aufgenommen. Ich trenne mich mit dem Gefühl, eine Stärkung erfahren zu haben in der Verbindung mit allen Menschen, die Teil dieses Weges sind und geworden sind. Ja, das war die Erfahrung von Frieden. Die Bedingung des Friedens ist Gewaltlosigkeit, und dort entsteht er aus Hingabe, Versöhnungsbereitschaft, Hoffnung und Gerechtigkeit.