„Die soziale Verteidigung“ oder „Wie die neue Welt entstand“

Ein alter Text von Rolf, an den er sich beim Lesen des medico-Appells erinnerte.

Am Anfang schufen wir die soziale Verteidigung, damit wir die Chance hätten, einen Krieg zu überleben.

Sie kamen mit unangreifbaren Panzern und Schiffen und Flugzeugen, und sie brachten auch Soldaten mit, die diese unangreifbaren Flugzeuge und Schiffe und Panzer zu bedienen hatten. Und unser Land war wüst und leer, denn wir befanden uns im Generalstreik. Die Autobahnen waren verstopft von Fahrzeugen, die wir dort abgestellt hatten. Straßenschilder, Personalakten, elektronisch gespeicherte Daten, Ausweise und Geburtsurkunden waren vernichtet. Und ein kleines Licht der Hoffnung leuchtete über dem Land.

Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag.

Die Befehle der Generäle kamen nur noch selten über den Äther an ihr Ziel, da unzählige Amateur- und CB-Funker die Frequenzen mit Liedern aus der Heimat der Soldaten füllten. Es waren Friedenslieder und Lieder von Freundschaft und Vertrauen. Einige der Soldaten zerdrückten verschämt eine Träne im Augenwinkel, denn in ihnen keimten die ersten Zweifel.

Da ward aus Abend und Morgen der zweite Tag.

Es versammelten sich viele von uns auf den Plätzen der Städte und in den Straßen der Dörfer. Wir trugen dieselben Uniformen wie die Soldaten und redeten in ihrer Muttersprache zu ihnen, sprachen von unseren Hoffnungen und Ängsten und boten ihnen zu essen und zu trinken. Und ihre Zweifel mehrten sich.

Da ward aus Abend und Morgen der dritte Tag.

Wir füllten in unsere Wassertürme geistvolles Feuerwasser, so dass alle, die davon tranken, betrunken wurden. Eine große Verbrüderung setzte ein zwischen Soldaten und Zivilisten, so dass bald kein Unterschied mehr zu erkennen war zwischen Mensch und Mensch.

Da ward aus Abend und Morgen der vierte Tag.

Die Menschen, die gestern noch Soldaten waren, hörten nicht mehr auf die Befehle der Generäle und fürchteten sich auch nicht vor Verfolgung und Strafe, denn sie sahen, dass es gut war, was sie taten. Viele von ihnen versteckten wir bei uns, erzählten ihnen von der Zukunft der Menschen, nahmen ihnen den Zweifel und gaben ihnen die Hoffnung zurück.

Da ward aus Abend und Morgen der fünfte Tag.

So wurden aus Feinden Freunde und die Idee eines menschenwürdigen Lebens wurde stark und mächtig. Sie war fruchtbar und mehrte sich und füllte die Erde und machte sie sich untertan.

Da ward aus Abend und Morgen der sechste Tag.

Und so vollendeten wir unsere Werke und feierten ein großes Fest mit Lampions und Liedern, Apfelsaft und Schnaps. Wir tanzten in den Straßen der Dörfer und auf den Plätzen der Städte und erklärten den siebten Tag zum Feiertag.

So entstand aus den alten Staaten mit ihrem Glauben an die Obrigkeit und deren Macht die neue Welt, wie wir sie alle kennen und lieben.